Fallsammlung

Der ganz normale Irrsinn aus dem Leben der Kinder einer Zwangswechselmodellfamilie:

 

Mittwoch: Kind 1 und Kind 2 (7 und 9 Jahre) wechseln laut gerichtlichem Beschluss zum Vater. Kind 3 (13 Jahre) bleibt noch bei der Mutter, weil de Man und Sünderhauf in der Wechseltabelle schreiben, dass die Abstände bei größeren Kindern größer sein müssen, und Kind 3 die engen Wechselabstände auch nicht aushalten kann wg. Gymnasiumsbesuch.

 


Montag: Kind 3 wechselt laut Umgangsbeschluss zum Vater.


Kind 1 und 2 wechseln laut Umgangsbeschluss nachmittags zur Mutter. Es ist 1. Mai, den sie vormittags mit dem Vater verbringen.


Montag Nachmittag: kaum bei der Mutter angekommen, beginnen Kind 1 und 2 Sachen für die Klassenfahrt zu packen, die ab Dienstag stattfinden soll. Dabei stellen sie fest, dass die Hälfte der Sachen, die für die Klassenfahrt benötigt werden, noch beim Vater sind.

 


Mutter schreibt SMS an Vater, welche Sachen noch fehlen. Kann diese Sachen aber nicht besorgen, da sie Montag Nachmittag arbeiten muss. Sie hat einen Job, bei dem die Arbeitszeiten nicht flexibel sind. Daher telefoniert sie vom Job aus, wie die die fehlenden Sachen für die Klassenfahrt organisiert werden können, und wer die Sachen von A nach B transportieren kann.

 


Kind 2 hat montags eine Arbeitsgemeinschaft in der Schule und kommt erst 18 Uhr zur Mutter nach Hause. Die Mutter wg. beruflicher Verpflichtungen auch, Kind 1 wurde so lange bei Freunden geparkt. 

 


Die zwei Stunden, die die Kinder vor der Klassenfahrt dann noch mit der Mutter verbringen, brüllen sich mehr oder weniger alle nur noch an, weil der Stress mit dem Einpacken und den Anpassungsleistungen nach dem Wechsel leider nicht bewerkstelligt werden kann. Die Kinder sind nervös, aufgeregt, durcheinander.
Um 20 Uhr sinken die Kinder erschöpft und weinend ins Bett, nach zwei ganzen Stunden "Quality time" mit der Mutter innerhalb von 10 Tagen. Die Mutter war früher einmal, vor langer Zeit, ihre Hauptbezugsperson. Von ihrem Geschwisterkind, das sie sehr lieben, sind sie wegen der Wechseltabellen von Sünderhauf und de Man leider getrennt.

 


Dienstag: Kind 1 und 2 fahren auf Klassenfahrt.

 


Freitag: Wegen der gerichtlich festgelegten Umgangsregel holt der Vater die Kinder von der Klassenfahrt ab. Er kann sie aber auch nicht sofort abholen, wenn alle anderen Kinder abgeholt werden, denn er muss ja arbeiten. Deshalb werden die Kinder wieder bei Freunden geparkt. Am späten Nachmittag nimmt sie der Vater mit all ihren Klassenfahrtstaschen dann in Empfang.


Die Kinder kommen seit nahezu 7 Jahren eigentlich nie mehr dort an, von wo sie aufgebrochen sind.


Kind 3 ist laut gerichtlicher Umgangsregel noch beim Vater, die Geschwister können sich also nicht sehen. Denn Kind 3 ist freitags bis zum Abend wegen einer Hochbegabung, die gefördert wird, in einer Arbeitsgemeinschaft beschäftigt.
Freitag Abend: die Kinder wechseln nach wenigen Stunden Aufenthalt beim Vater wegen der gerichtlich festgelegten Umgangsregel zur Mutter.


Samstag und Sonntag: Kinder 1 und 2 sind bei der Mutter, fühlen sich allerdings nicht in der Lage dazu, etwas von der Klassenfahrt zu erzählen.

 

Sie haben ja schon am Freitag alles Papa erzählt und können jetzt nicht mehr, obwohl sie voller Eindrücke sind. So eine Klassenfahrt ist anstrengend, und die Wechsel, das Nicht-Ankommen-können auch. Apathisch verbringen sie die meiste Zeit des Wochenendes allein in ihren Zimmern, am liebsten mit elektronischen Geräten: "Quality-Time": Jetzt noch etwas neues zum Spielen anzufangen lohnt ja nicht; sie müssen eh bald wieder wechseln, ebenso wenig, sich mit Nachbarskindern zu treffen. Was soll man schon mit ihnen spielen, wenn man nicht weiterspielen kann, weil man bald wieder wechseln muss? Die Taschen von der Klassenfahrt liegen achtlos und umausgepackt in der Ecke. Was soll man einpacken, was auspacken? In drei Tagen ist ohnehin schon wieder Kofferpacken angesagt.


Sie vermissen Kind 3.


Kind 3 vermisst Kind 1 und 2 und hätte gern etwas von der Klassenfahrt der leiblichen Geschwister erfahren, ist aber laut gerichtlich festgelegter Umgangsregel beim Vater.


Montag: Kind 3 wechselt zur Mutter zurück. Mutter muss wieder arbeiten und parkt Kind 1 und 2 bei Freunden.


Am Montag Abend sehen sich die Geschwister das erste Mal seit 12 Tagen wieder.
Mittwoch: Kind 1 und 2 wechseln laut gerichtlich festgelegtem Umgang wieder zum Vater. Kind 3 bleibt bis zum Montag laut gerichtlich angeordneter Umgangsregel bei der Mutter.


Und so geht es weiter. Und immer weiter. Und immer weiter. Und immer weiter:

 

Sachen packen, von A nach B schleppen, bei Freunden Zwischenparken, weinen vor Erschöpfung, Sachen packen, von A nach B schleppen, bei Freunden Zwischenparken, weinen vor Erschöpfung, Sachen packen, von A nach B schleppen, bei Freunden Zwischenparken, weinen vor Erschöpfung ...


Alle Kinder leiden unter heftigen Migräneattacken.


Wenn man die Kinder fragt, sagen sie alle: "Wir wollen das Wechselmodell! Denn sonst ist es ungerecht für die Eltern!"


Das Wechselmodell als Regelfall ist das allerbeste, was Kindern passieren kann: Weil sie so "Alltag" mit beiden Eltern leben können. Nicht wahr?

Bettina T.:

 

Seit ca 1,5 Jahren lebt unser Sohn, jetzt 6 Jahre alt, im Wechsel jeweils eine Woche beim Kindsvater, jeweils eine Woche bei der Kindsmutter. Das Wechselmodell wurde vom Kindsvater für unseren damals 4 Jährigen Sohn gefordert. In den Jahren zuvor wurde das Kind hauptsächlich durch mich, die Kindsmutter betreut.

 

Der Kindsvater war nach der Trennung ein halbes Jahr unauffindbar im Ausland unn verweigert jeden Kontakt. Als er wieder kam, erkannte er die Vaterschaft auf einmal an und forderte aus heiterem Himmel das Wechselmodell für unseren damals 4jährigen Sohn.

 

Das Jugendamt Pankow teilte mir im Bezug auf die Forderung des Vaters mit, ich solle dem Modell zustimmen, denn ich hätte vor Gericht wenig Aussichten, dass ein anderes Umgangsmodell für uns festgelegt werden würde. Mit Blick auf die Belastungen, die ein solches Gerichtsverfahren für alle Beteiligten mit sich bringt, habe ich dem Modell zugestimmt.

 

Zwei Versuche meinerseits, das Betreuungsmodell wieder zu ändern, nachdem sich erhebliche Nachteile für unseren Sohn und mich dadurch ergaben, scheiterten. Das Jugendamt Pankow teilte mir im Bezug auf die Forderung des Vaters mit, ich solle dem Modell zustimmen, denn ich hätte vor Gericht wenig Aussichten, dass ein anderes Umgangsmodell für uns festgelegt werden würde.

 

Unter diesem Druck und mit Blick auf die Belastungen, die ein solches Gerichtsverfahren für alle Beteiligten mit sich bringt, habe ich dem Modell zugestimmt. Zwei Versuche meinerseits, das Betreuungsmodell wieder zu ändern, nachdem sich erhebliche Nachteile für unseren Sohn und mich dadurch ergaben, scheiterten.

 

Mittlerweile wurde das Wechselmodell durch das Amtsgericht Pankow gerichtlich angeordnet. Die Strafauflage bei Nichteinhaltung wurde auf 25 000 Euro festgesetzt.

 

Ich bin berufstätig, der Kindesvater ist es seit vielen Jahren nicht. Nun werde ich vom Jobcenter aufgefordert mich am Lebensunterhalt des Kindesvaters zu beteiligen.

 

Ulrike M.:

 

Bei uns wurde das Wechselmodell gerichtlich angeordnet. Die Kinder waren 3 und 6 Jahre alt. Die Anordnung traf uns völlig unerwartet, da ich vor der Trennung die Erziehungsarbeit immer alleine leistete. Ich war 5 Jahre in Elternzeit, der Vater kam oft erst gegen 21 Uhr nach Hause und hatte auch an den Wochenenden meist keine Lust, uns z. B. bei Familienausflügen zu begleiten.

 

Die Kinder und ich waren vorher noch nie eine Woche voneinander getrennt, und

mein Sohn war in seiner Kleinkinderzeit in Behandlung bei einer Kinderpsychologin wegen massiver Trennungsängste.

 

Eine Sachverständige war im Gericht anwesend, die laut meinem Anwalt das Wechselmodell wohl in jedem Verfahren empfiehlt und meist gegen den Willen der Mütter durchsetzt. Mir wurde auch angedroht, dass man mir das Aufenthaltsbestimmungsrecht entziehen würde, wenn ich

dem Modell nicht zustimme.

 

Ich tat es trotzdem nicht, aber das Wechselmodell wurde dennoch angeordnet. Wir Eltern sind und waren hoch verstritten. Begleitete Mediation und

Elterngespräche scheiterten. Selbst über Belange der Kinder war kein Austausch möglich.

 

Ich wusste nicht, was die Kinder in der Woche beim Vater machten, ich konnte sie telefonisch in der Zeit auch nicht erreichen.

 

Das Modell wurde nach etwa einem Jahr gekippt. Die Kinder mussten während dieser Zeit 14 Befragungen ertragen. Sie sagten bei jeder Befragung, dass sie mehr bei ihrer Mama sein wollten.

 

Unser Sohn zeigte so schwere Verhaltensauffälligkeiten, dass der

Kinderpsychologe  nicht wußte, ob wir um einen stationären Klinikaufenthalt herum kommen. 

 

Auch finanziell hatte die Zeit des Wechselmodells schlimme Folgen für uns. Durch den wegbrechenden Unterhalt des Vaters fielen wir trotz meiner einigermaßen gut bezahlten Teilzeitstelle ins ergänzende Hartz4. Die Kindergeldkasse behielt fast ein Jahr das Kindergeld komplett ein, weil sie nicht wussten WEM der beiden Elternteile im Wechselmodell sie die Zahlung überweisen sollten und wir uns nicht darüber einigen konnten.

 

Meine Kinder und ich hätten dadurch beihnah unsere Wohnung verloren, denn ich wusste nicht, wie ich die Miete aufbringen sollte.

 

Mittlerweile sind die Kinder 11 und 8 Jahre alt.

Der Vater hat bis in diesem Jahr keinen Cent Unterhalt für sie gezahlt und das Interesse an ihnen verloren, da er eine neue Lebenspartnerin hat. Die Kinder haben nur noch wenig Umgang.

Sabine A.

 

Ich bin 44 Jahre alt und alleinerziehend mit meinen beiden Söhnen 11 und 7 Jahre. Ich war verheiratet, mein Mann lebte aber aus beruflichen Gründen in einer anderen Stadt.

 

Durch die Entfernung unserer Wohnorte Koblenz – Berlin, führten wir eine sogenannte Wochenendbeziehung – 14 tägig. Die Kinder lebten bei mir in Berlin.

Nach dem Scheitern der Ehe zog mein damaliger Ehemann nach Berlin und beantragte beim AG Kreuzberg das alleinige Sorgerecht, nachdem ich ihn auf Kindesunterhalt verklagt hatte den ner nicht bereit war zu zahlen.

 

Als Gründe für seinen Antrag gab er an, dass ich unsere Söhne

vernachlässigen und verwahrlosen lassen würde. Diese Vorwürfe wurden vom Jugendamt nach einem Hausbesuch, Gespräche mit den Kindern und nach Rücksprache mit der Kita und der Schule als unwahr wiederlegt.

 

Das AG beauftragte in Folge auch noch eine Verfahrensbeiständin, die nach mehreren Hausbesuchen und Gesprächen mit den Kindern ebenfalls keine Anhaltspunkte für die Vorwürfe des Kindesvaters erkennen konnte. Sowohl das Jugendamt als auch die Verfahrensbeiständin sprachen sich dafür aus, dass die Kinder in ihrem gewohnten Umfeld, also bei mir, wohnen bleiben sollte.

 

Trotz dieser eindeutigen Stellungnahmen wurde vom Gericht noch eine Gutachterin bestellt. Diese Dame stellte dann nach einem einzigen Hausbesuc,h der sich über 2.5 Stunden erstreckte, eine eingeschränkte Erziehungsfähigkeit bei mir fest. Dass mein älterer Sohn sehr gute schulische Leistungen aufwies, sowohl die Schule als auch die Kita sogar eine überdurchschnittliche Entwicklung beider Kinder attestierte war für die Gutachterin unerheblich.

 

Sie prognostizierte in dem Gutachten, dass sich die Kinder in Zukunft negativ entwickeln würden wenn sie weiterhin bei mir leben würden, weil mein Erziehungsstiel in ihren Augen zu nachgiebig wäre.

 

Das Ergebnis war, dass sich die Gutachterin gegenüber dem Gericht für ein Wechselmodell aussprach. Der Kindesvater der sich bis dato praktisch nicht an der Erziehung der Kinder beteiligt hatte, sollte meine angeblichen Erziehungsdefizite auffangen. Hier bei spielte es für die Gutachterin auch keine Rolle, dass wir inzwischen schon seit fast zwei Jahren nicht mehr miteinander sprachen und es nur gegenseitige Vorwürfe gab, auch das spielte bei der ausgesprochenen Empfehlung des Wechselmodels keine Rolle.

 

Vier Richter haben sich mit diesem Gutachten befasst, jeder Richter hat auch die Kinder angehört. Keiner wollte der gutachterlichen Empfehlung folgen weil die Kinder einerseits ausdrücklich kein Wechselmodell leben wollten und andererseits Widersprüche und Oberflächlichkeit dieses Gutachtens klar erkennbar waren.

Dennoch wagte es auch kein Richter einen Beschluss gegen die Empfehlung dieses

Gutachtens zu verfassen.

 

Es wurde schliesslich ein neuer Gutachter bestellt der dann wiederum nach Hausbesuchen und Gesprächen mit den Kindern feststellte, dass sich die Kinder prima entwickeln und es keine Gründe gäbe sowohl die Kinder als auch die Mutter zu einem Wechselmodell zu zwingen.

 

Erst nach diesem Gutachten gab es rasch einen Beschluss wobei mir die alleinige Sorge übertragen wurde weil der Kindesvater zwischenzeitlich wieder aus Berlin weggezogen war, ohne das überhaupt jemanden zuvor mitzuteilen.

 

Dieses sinnlose Verfahren, finanziert zur Hälfte aus staatlicher Prozesskostenhilfe, zog sich über 4 Jahre in die Länge. Der Kindesvater hatte schon in Berlin immer weniger Umgänge und Ferienzeiten mit seinen Kindern wahrgenommen obwohl es einen Umgangsbeschluss gab wonach er dazu verpflichtet gewesen wäre.

 

Nach seinem Wegzug aus Berlin hat er seine Söhne nicht mehr besucht. Beide Kinder besuchen inzwischen die Schule, haben sehr gute schulische Leistungen und sind sozial bestens integriert und sehr beliebt bei ihren Mitschülern

und den Lehrern. Und das trotz des fehlenden erzieherischen Einflusses des Vaters, den die Gutachterin als so massgeblich wichtig erachtete.

Für mich ist es nicht nachvollziehbar, dass sich Richter jahrelang mit einer intakten Familie beschäftigen, sich zigmal - auch bei eindeutigen Sachverhalten - absichern bevor sie zu einem Urteil gelangen, dass dann auch noch sogenannte „Sachverständige“ als Gutachter auf Familien losgelassen werden die nach einer Momentaufnahme über das Schicksal und die Zukunft von Kindern und somit Biografien entscheiden sollen, das macht Angst und Sorge.

 

Dieser Trend, ebenso das Wechselmodell als Lösung um es vorgeblich beiden Elternteilen irgendwie recht machen zu können muß aufgehalten und hinterfragt werden.

Annika S.:

 

Seit vier Jahren praktizieren wir das Wechselmodell. Unsere Kinder sind jetzt 10 und 12 Jahre

alt. Es ist eine mögliche Betreuungsform für die Kinder, wenn die Eltern sich noch gut verstehennund alle Rahmenbedingungen vernünftig geklärt werden können.

 

Ich kann in der kinderfreien Zeit arbeiten und muss mich nicht um Betreuung kümmern. Für Eltern ist es allerdings überaus

schwer, wenn der Verdienstunterschied groß ist. Mein Ex-Mann ist ein sehr erfolgreicher Unternehmer, mit dem 15-fachen meines Jahresverdienstes. Durch das Wechselmodell muss er keinen Unterhalt zahlen. Bei mir leben die Kinder knapp über der Hartz-IV-Grenze, beim Vater förmlich im Luxus. Das ist einfach ungerecht und frustrierend.

 

Einen finanziellen

Ausgleich zu schaffen, ist kaum möglich. Jede einzelne Ausgabe muss aufgeschlüsselt werden. Ich kann nur gebrauchte Sachen kaufen, bei Papa kostet die Jacke auch schon mal 300 Euro.

 

Das ist ein Nährboden für böses Blut und ich als Mutter muss immer zurückstecken und die Kinder knapp halten. Was dies im innerfamiliären Gefüge verursacht, kann man sich denken („Bei Papa können wir aber ne Pizza essen gehen“, „mit Papa fliegen wir aber in den Urlaub“)

 

Finanziell ist das Wechselmodell für mich als Mutter ein Desaster, ganz klar. Aus finanziellen Gründen wollte ich das Wechselmodell beenden. Der Kindsvater hätte zu gerne zugestimmt, unter der Bedingungen, dass ich die Kinder ihm überlasse ... Vermutlich müsste ich dann sogar Unterhalt bezahlen! Für meine Kinder ist es ideal, weil sie ihren Papa haben und sich zumindest die Hälfte ihrer Kindheit etwas leisten können ...

 

Ich als Mutter trage das Wechselmodell nur mit, damit meine Kinder den engen Kontakt zu ihrem Papa halten. Der Preis, den ich dafür zahle, ist bitter hoch, einfach ungerecht und frustrierend!

 

Update 2016

 

Mittlerweile hat Annika S. das WM beendet und die Kinder leben beim Vater.

Brief einer Wechselmodell-Mutter

 

Ich möchte mich an Sie wenden, da ich selber seit 8 Jahren das Wechselmodell praktiziere. An meinem Wohnort wird dieses Modell seit einigen Jahren sehr häufig erzwungen, indem mit Inobhutnahme der Kinder oder dem Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechtes beider Eltern gedroht wird. Daher habe ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis viele Familien, die dieses Modell bereits praktizieren. Darüber hinaus bin ich Erzieherin und arbeite häufig mit Kindern, die unter diesem Modell leiden.


Ich bin 45 Jahre alt und habe 4 Kinder (2 Mädchen: 19, 16 Jahre, und zwei Jungen,8 und 11 Jahre.


Ich stamme aus Wismar und bin mit der DDR - Ideologie der Gleichberechtigung beider Eltern groß geworden. Ich habe mich als Kind sehr einsam gefühlt und meine Eltern vermisst und meine Kindheit insgesamt als sehr hektisch und ruhelos in Erinnerung.

 

Als ich den Vater meiner Kinder kennenlernte, erzählte er das Gleiche aus seiner Familie. Daher entschlossen wir uns, eine Einverdienerehe zu führen.


Ich war 16 Jahre verheiratet, während dieser Zeit war ich fast vollständig für die Erziehung der Kinder verantwortlich, insgesamt 8 Jahre überwiegend mit den Kindern zu Hause. Nach der Trennung 2010 wurde unsere Familie vom Jugendamt in eine Mediation geschickt. Dort sagte man mir, dass die Kinder beide Eltern zu genau gleichen Teilen brauchen; es wären die neuesten Erkenntnisse aus der Forschung, dass ein Machtgleichgewicht zwischen den Eltern hergestellt werden müsse. Ansonsten würden die Kinder ins Heim kommen.


Da ich weder Zeit noch Kraft hatte, mich rechtlich beraten zu lassen - das jüngste Kind war zu diesem Zeitpunkt fast noch ein Baby, habe ich dem Wechselmodell zugestimmt.


Die Kinder entwickelten nach Einrichtung des Wechselmodells massive Beeinträchtigungen. Die beiden kleinen Geschwister weinten nur noch, sobald ich sie nicht auf dem Arm umhertrug. Das jüngste Kind begann, mich zu schlagen. Die beiden ältesten Kinder wurden schwer krank. Ich musste in dieser Zeit meine Ausbildung abbrechen, um die Kinder auffangen zu können.

 

Die Konflikte zwischen dem Vater und mir wurden im Laufe des Wechselmodells immer größer statt kleiner. Die Erkrankungen der Kinder,  die äußerst prekäre finanzielle Lage, die dadurch entstanden war, dass nun zwei Wohnungen für jeweils fünf Personen finanziert werden mussten, obwohl nur ein Gehalt da war, meine fehlenden beruflichen Perspektiven - die Bevölkerung an meinem Wohnort wächst und wächst, die Arbeit wird dagegen immer weniger, die Mieten immer teurer, die fehlende Zeit für die Kinder aufgrund von Zweit- und Drittjobs, die ich in der Folge annahm, um das Wechselmodell zu finanzieren, die sich auf die Kinder übertragende Unruhe - der Alltag wurde so konfliktreich und anstrengend, dass die Kinder immer mehr darunter litten.


Der Vater war nicht dazu zu bewegen, das Wechselmodell zu beenden. Zur Begründung bezog er sich auf die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Wechselmodellforschung.

 

Nun ist es so, dass ein einmal installiertes Wechselmodell nicht mehr beendet werden kann, sollte ein Elternteil daran festhalten. Die Kinder müssen schon nahezu sterben, bevor sie jemand hört und bevor jemand einem Kind glaubt, wenn es sagt, dass so ein Leben zu anstrengend ist. Bei Erwachsenen findet es keiner merkwürdig, wenn z.B. ein berufliches Pendelleben aus gesundheitlichen Gründen beendet wird. Bei Kindern dagegen kann nicht sein, was nach den Erkenntnissen der Wechselmodellforschung nicht sein darf.


Auch bei uns war dies so der Fall. Unsere Kinder wurden mit Hinweis auf die Forschungsergebnisse zum Wechselmodell nicht gehört, und so stellte ich einen Antrag auf Übertragung des Aufenthaltsbestimmungsrechtes. Die Begutachtung dauerte über 2 Jahre. Das Gutachten war sachlich falsch. Unter anderem stand darin, dass ich einen angesehenen Beruf hätte, und dass beide Eltern die Kinder zu gleichen Teilen großgezogen hätten. In Wirklichkeit hatte ich wegen der Betreuung der Kinder meine Ausbildung nie abschließen können und lebte im Zeitraum der Begutachtung teilweise von Hartz IV. Von der Auslandstätigkeit des Vaters und den insgesamt 14 Jahren meiner Sorgearbeit, von denen ich fast 9 Jahre zu Hause war, stand nichts im Gutachten.


Die Kinder wechselten nach den Erkenntnissen der neuesten Forschung über Jahre zu verschiedenen Zeiten paritätisch - die Kleinen waren 3 bzw. 4 Tage bei der Mutter und 4 bzw. 3 Tage beim Vater, die beiden Großen 1 Woche bei der Mutter bzw. 1 Woche beim Vater. Wir konnten wegen der verschobenen Wechsel, die auch auf die Wochenenden fielen, über Jahre hinweg am Wochenende nicht verreisen, geschweige denn Großeltern besuchen oder ein normales Leben führen. Die Kinder lebten abwechselnd in 4 verschiedenen Konstellationen: zu zweit beim Vater, zu viert beim Vater, zu zweit bei der Mutter, zu viert bei der Mutter.

Unsere älteste Tochter wurde so krank, dass sie intensivmedizinisch behandelt werden musste und für 1 Jahr nicht mehr schulfähig war. Sie wurde wieder gesund, nachdem wir ihr freigestellt hatten, dass sie das Wechseln beenden dürfe, wenn ihr das helfen würde, wieder gesund zu werden.


Unsere zweite Tochter bekam ebenfalls eine schwere Erkrankung, die erst dann aufhörte, als in einem Vergleich beschlossen wurde, dass sie nicht mehr wechseln musste. Sie war die einzige, die immer wieder offen geäußert hat, dass sie nicht im Wechselmodell leben möchte, weil sie sich so zerrissen fühle. Es hat 4 Jahre (!) gedauert, bis sie gehört wurde.


Beide große Kinder lebten über den gesamten Zeitraum des Wechselmodells (2010-2014) aus dem Koffer, sie weigerten sich, ihr Gepäck auszupacken, mit der Begründung, es würde sich nicht lohnen, da sie ja eh bald wieder wechseln müssten. Da ich wegen des Wechselmodells vom Vater kaum Unterhalt erhielt, hatte ich massive wirtschaftliche Sorgen. Ich begann wiederum eine Ausbildung, die es aber nicht in Teilzeittätigkeit gab. Unsere zweite Tochter erzählt mir noch heute, dass sie nachmittags oft weinend vorm Fernseher gesessen hat, weil ich nicht mehr da war. Ihre ganze Kindheit war sie daran gewöhnt gewesen, dass ich sie in die Arme nahm, wenn sie aus der Kita oder der Schule kam, und mich um sie kümmerte.
Die beiden jüngsten Kinder wechseln immer noch. Sie sagen, dass es doof ist, immer umziehen zu müssen. Sie möchten trotzdem weiter wechseln, damit es nicht so ungerecht sei. Unser Sohn nässte so stark ein, dass er um ein Jahr von der Schule zurückgestellt werden musste. Auch jetzt näßt er noch manchmal ein, obwohl wir Eltern alle Konflikte von den Kindern fernhalten. Die beiden Kleinen entwickeln sich komplett anders, als ihre großen Geschwister. Sie sind gut in der Schule und funktionieren - sie funktionieren eigentlich immer. Es gibt außer der Enuresis keine sichtbaren Auffälligkeiten. Sie haben sich Gefühle wie Heimweh oder Sehnsucht komplett abgewöhnt. Man kann diese Kinder problemlos überall abstellen. Wenn sie verreisen, haben sie keinen Abschiedsschmerz, wenn sie von einer Klassen- oder Kitafahrt wiederkommen, ignorieren sie die Eltern, da sie in der Regel ja nicht an dem Ort wieder ankommen, von dem aus sie aufgebrochen sind.

 

Ich könnte sie wahrscheinlich sogar problemlos über Monate in eine andere Familie geben. Auf Trennungen reagieren sie völlig gefühllos. Unser Jüngster ist früher sogar mit wildfremden Menschen mitgegangen und hat sich in der Öffentlichkeit auf den Schoß fremder Menschen gesetzt. Insgesamt strahlen sie eine gewisse Unruhe aus und fühlen sich oft innerlich leer. Mir fällt dies besonders auf, da ich ja den unmittelbaren Vergleich habe mit dem normalen Spielverhalten der älteren Geschwister. Z.B. bauen sie weder zu ihren Spielsachen noch zu ihrer Umgebung eine enge Beziehung auf - die Beziehungen zu Spielsachen oder Kleidung sind oft flüchtig und manchmal beinahe gefühllos, da in der Regel nichts in ihrem Umfeld einen festen Ort hat und nichts dauerhaft verfügbar ist. So gibt es beispielsweise kein Lieblingskleidungsstück mehr und auch kein Lieblingsplütschtier, um das man sich sorgt und das man vermisst. Sie können sich zu Hause nur schlecht beschäftigen und haben kein Interesse daran, sich ihr Umfeld schön zu machen oder Spielsachen hübsch anzuordnen. Meistens fragen sie, im Gegensatz zu ihren älteren Geschwistern, nach technischem Spielzeug, mit dem sie sich von der inneren Leere ablenken. Sie gehen nicht gern an die frische Luft. Im Alltag sind sie mit den Wechseln und dem langen Arbeitstag in der Schule komplett ausgelastet und oft sehr erschöpft.


Wenn ich unsere Großen nach dem besten Umgangsmodell frage, sagen sie immer, dass das Wechselmodell das beste Modell sei, da es für die Eltern gerecht sei. Wir haben Ihnen, da sie so krank waren, freigestellt wieder zu wechseln - sie tun es nicht, obwohl sie sagen, es sei das beste Modell.

 

Die derzeitige Forschung zum Wechselmodell deckt sich in weiten Teilen NICHT mit meinen und den Erfahrungen in meinem Rostocker Umfeld. Ich wundere mich daher immer wieder von neuem, wie es zu so einer Forschung kommen kann.


Ich möchte Ihnen einige Beispiele aus meinem Freundeskreis geben:


1. Wechselmodelle können Entfremdungen überhaupt erst AUSLÖSEN, statt sie zu verhindern.
Wenn Kinder das Wechselmodell beenden, weil sie krank werden oder es nicht mehr aushalten können, brechen sie den Kontakt zu demjenigen Elternteil ab, der das Wechselmodell wünscht. Die Erklärung ist ebenso einfach wie plausibel: Diese Kinder fühlen sich schuldig und als Verräter - um diesem unangenehmen Gefühl zu entgehen, vermeiden sie den Kontakt. Die Auswirkungen sind besonders verheerend, wenn der das Wechselmodell wünschende Elternteil das Verhalten des Kindes als PAS interpretiert und dem anderen Elternteil die Schuld daran gibt. In meinem Bekanntenkreis haben einige Kinder aufgrund des Wechselmodells den Kontakt zu einem Elternteil gänzlich verloren.


2. Das Wechselmodell führt in Familien mit mehreren Kindern, mit einer konfliktbehafteten Elternbeziehung oder engen wirtschaftlichen Verhältnissen nicht zu einer Entlastung, sondern VERMEHRT die Belastung der Kinder.


3. Ein Wechselmodell schafft bei Familien mit Kindern in verschiedenem Alter KEINE Freiräume und Erholungszeiten für die Eltern, sondern es VERMINDERT nutzbare Erholungszeit aufgrund der sich überlappenden Wechselabstände.


4. Unterhalb einer bestimmten Einkommensgrenze sind Wechselmodelle für Eltern so teuer, dass diese überhaupt keine Zeit mehr für ihre Kinder haben, weil sie die wenige Zeit, die ihnen bleibt, dazu benutzen müssen, um Geld für die doppelte Mietbelastung zu erwirtschaften. Der Mietbelastung entkommen kann man jedoch auch nicht, da man ja nicht umziehen kann.


5. Das Wohlbefinden der Kinder im Wechselmodell hängt unmittelbar damit zusammen, wie ihre Bindungen zum Zeitpunkt der Trennung waren. Einige Kinder mit einer starken Bindung zu einem der beiden Elternteile haben deshalb stark unter dem Wechselmodell gelitten.


6. Kinder mit neuen Patchworkgeschwistern fühlen sich wie Kinder zweiter Klasse, da die Geschwister immer da sind, sie jedoch "nur zu Besuch".

 

Ich kenne in meinem Umfeld kein einziges Beispiel dafür, dass ein Wechselmodell über längere Zeit stabil war oder zu einer besonders guten Entwicklung der Kinder beigetragen hätte, im Gegenteil:
In einer Familie wurde ein Wechselmodell festgelegt, um dem gewalttätigen Vater Verantwortung zu übertragen und dadurch den Konflikt zu entschärfen. Das Ergebnis war, dass der Vater auch gegenüber den Kindern gewalttätig wurde und diese nach massiven Übergriffen geflüchtet sind. Sie haben keinen Kontakt mehr zum Vater.
In einer zweiten Familie ist das Kind nach einigen Jahren in eine Wohngruppe gezogen, weil es keinen der Eltern verletzen, aber auch nicht mehr weiter wechseln wollte.


In einer dritten Familie hat die Tochter über Jahre die Mutterrolle für die jüngeren Halbgeschwister übernommen, die beim Vater ebenfalls im Wechselmodell lebten. Dieses Kind wurde schwer krank, hat aber immer behauptet, das Wechselmodell sei die beste Betreuungsform. Zum Vater hat sie jetzt, als Erwachsene, kaum mehr Kontakt.


In einer vierten Familie musste die Tochter wegen einer Burnouterkrankung das Gymnasium verlassen. Sie war eine sehr begabte Schülerinnen.


In einer fünften Familie wollten die Kinder, die ich durch meinen Beruf kennenlernte, nicht mehr Kinder Zweiter Klasse in der neuen Familie ihres Vaters sein und sind ganz zu den beiden Halbgeschwistern, dem Vater und deren neuer Partnerin gezogen. Den Kontakt zur Mutter haben sie aufgrund von Schuldgefühlen gegenüber der Mutter abgebrochen.


In einer sechsten Familie zerbrach die Zweitfamilie des Vaters daran, dass die neue Frau nicht mit ihrer Rolle als Wechsel-Stiefmutter umgehen konnte. Das Ergebnis: Jetzt sind es schon vier Kinder, deren Familien zerbrochen sind.


In einer siebten Familie hat ein sehr vermögender Vater das Wechselmodell gegen die Mutter der Kinder durchgesetzt und die Kinder anschließend mit seinem Vermögen "gekauft", so dass sie jetzt kaum mehr Kontakt zur Mutter haben.


In einer achten Familie hat der Vater ein Wechselmodell gerichtlich durchgesetzt, kümmert sich aber nicht um die Kinder, wenn sie bei ihm sind, sondern lässt sie von anderen Personen betreuen. Wenn die Kinder sich darüber beschweren, wird ihnen nicht geglaubt.

Ich würde mir wünschen, dass die Wechselmodellforschung weniger ideologiegefärbt ist, sondern differenzierter und besonders die Familien in den Blick nimmt, die bereits ein Wechselmodell praktizieren. Dazu müsste es Langzeitstudien und keine einmaligen Massenbefragungen geben.


Ich wünsche mir darüber hinaus, dass bei Befragungen von Kindern im Wechselmodell beachtet wird, dass diese Kinder wegen des wechselseitigen Loyalitätsdrucks NICHT dazu in der Lage sind, zu äußern, wenn es ihnen nicht gut geht. Dies habe ich sehr deutlich bei meinen eigenen Kindern erlebt. Eine Ablehnung des Wechselmodells setzen die Kinder damit gleich, einem Elternteil "untreu" zu werden. Sie werden sich davor hüten, dies zu tun. Ihre Äußerungen sollte man daher nicht damit verwechseln, dass es diesen Kindern besonders GUT GEHT - sie FUNKTIONIEREN nur besonders gut, da sie für das Gleichgewicht der Eltern eine besondere Verantwortung übernommen haben.

 

Mit freundlichen Grüßen
Evi Lamert

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© Ein Zuhause für Kinder © Photos: Philippe Put